Von sich selbst erlöst (Joh 8, 34,36)
Herr, du führst meine Sache und erlöst mein Leben. (Kla 3,58)
Hallo du,
fragst du dich, was diese seltsame Überschrift zu bedeuten hat?
Fragst du dich: Bin ich so schlimm, dass ich besser nicht wäre?
Weshalb sollte man von sich selbst erlöst werden?
Bin ich nicht mein bester und treuester Freund und Fan?
Wer sorgt für mich, wenn nicht ich selbst?
Hier geht es um die Belastungen und Lasten, die ich mir selbst auferlege.
Die Kernfrage an mich selbst heißt also:
Von welchen Lasten und Belastungen,
von welchem müssen möchte ich befreit und erlöst werden?
Zwei Beispiele sollen das verdeutlichen:
1. Arbeit
Oft erleben wir unsere Arbeit als kraftraubende Pflicht.
Wir müssen etwas tun, was uns nicht gefällt
oder wir müssen es so tun, wie es jemand gerne hätte und uns deshalb vorschreibt,
obwohl es unserer Meinung nach anders leichter ging und besser wäre.
Wir müssen unsere Arbeit, sorgfältig, genau, fehlerfrei und richtig erledigen
und die dazu nötige Konzentration kostet Nerven und Kraft.
Wir sind bei der Arbeit Umständen und Situationen ausgesetzt,
die belastend und zermürbend sind, z.B. ist es zu warm oder zu kalt, zu laut oder zu zugig,
die Kolleginnen und die Kollegen sind
unfreundlich oder mürrisch, gereizt oder unzufrieden,
egoistisch oder abweisend, unkollegial oder wenig hilfsbereit.
Arbeit muss wohl oder übel sein. Sie dient dem Lebensunterhalt.
Aber um welchen Preis arbeite ich? Was muss ich dabei schlucken?
Manchmal denke ich, dass alles leichter wäre,
wenn die Menschen oder Umstände nicht wären,
wenn ich tun könnte, was ich für richtig halte,
wenn ich mehr Gestaltungsspielraum hätte und mehr von mir einbringen könnte,
kurz gesagt,
wenn meine persönlichen Belange und Interessen mehr berücksichtigt würden.
2. Ich selbst
Manchmal bin ich unruhig und nervös, gereizt und polternd, unfreundlich und abweisend,
oder ich bin ängstlich und gehemmt, oberflächlich und lustlos, kraftlos und unkonzentriert,
oder ich bin wütend und habe aggressive Gedanken, ich bin zornig und trotzig wie ein Kind,
oder ich fühle mich arm und verlassen, unvollkommen, ungeliebt, hilflos und einsam,
dann kann ich mich selbst und auch die anderen nicht leiden.
Dann leide ich unter mir selbst.
Dann gefalle ich mir selbst nicht.
Dann fühle ich mich nicht wohl.
Weshalb neige ich zu solch heftigen Gemütsschwankungen?
Weshalb sind spielen meine Gefühle verrückt?
Was ist im mir nicht mehr am richtigen Platz?
Ich brauche ich Ruhe und Abstand, doch ich finde beides nicht.
Was ist mit mir los?
Meistens bin ich dann zu viel oder zu wenig belastet,
über- oder unterfordert,
am ausbrennen oder gelangweilt.
Es bewegt sich nichts mehr in meinem Leben.
Ich sehe kein Weiterkommen und keinen Erfolg.
Ich kann mich nicht weiterentwickeln und bewähren.
Ich finde das rechte Maß nicht.
Was sind die Ursachen dafür?
Hier kommen wir zum zentralen Punkt:
Es geht nicht nur darum,
dass ich etwas tun muss oder lassen sollte,
sondern es geht auch darum,
wie und mit welcher inneren Einstellung und Haltung ich etwas tue.
Es geht bei der Arbeit wie auch bei uns selbst darum,
dass es uns betrifft,
dass es uns nicht gefällt,
dass es unseren Wünschen, Vorstellungen und Erwartungen nicht entspricht,
dass es unseren Stolz und unsere Ehre verletzt,
dass es unserer nicht würdig ist.
Es geht um unsere Grundeinstellung zu Dingen, Situationen und Menschen.
Es geht darum, ob wir Gutes oder Schlechtes denken.
Es geht darum, wie wir sind.
Niemand kann ernstlich von sich behaupten,
dass er durch und durch gut, rein, ehrlich, wahrhaftig und vollkommen ist,
auch wenn wir das gerne wären und uns gerne den Anschein davon geben.
Genauso wenig kann niemand von sich behaupten,
dass er durch und durch schlecht, missraten, falsch, gemein und böse ist.
Einerseits habe wir im Lebenskampf gelernt,
dass unser Wohl und unsere Gesundheit das einzig Wichtige beim Überleben ist.
Da denkt jeder nur an sich! Da kämpft jeder für sich!
Da setzt man sich durch oder man geht unter.
Wenn es ums Ganze geht, sind alle Mittel recht. Dann ist alles erlaubt!
Das glauben wir jedenfalls,
weil wir es bei anderen so sehen,
weil wir es (um bestehen zu können), in der Kindheit mühsam erlernen mussten
und weil wir es in vielen Auseinandersetzungen erfolgreich erprobt haben.
Wir glauben es vielleicht auch deshalb gerne,
weil die, die sich so verhalten, anscheinend damit sehr erfolgreich sind.
Andererseits ist jeder Mensch in bestimmten Situationen
auf Hilfe und Unterstützung anderer angewiesen, meist dann,
wenn eigenes Wissen und Können oder die eigene Kraft und Gesundheit
nicht ausreichen, um Situationen oder Probleme zu meistern.
Dann brauchen wir alle
Hilfe, Aufmerksamkeit, Zuwendung und Verständnis,
Liebe und Barmherzigkeit, Freundlichkeit und Offenheit, Güte und Geduld,
Ermutigung, Unterstützung und Beistand.
Also müssen wir beides sein.
Wir müssen eigenständig, aber auch beziehungsfähig sein.
Wir müssen durchsetzungsfähig, aber auch nachgebend sein.
Wir müssen konsequent, aber auch vergebend und herzlich sein.
Beide Aspekte helfen uns, uns zu orientieren und uns auf etwas zu konzentrieren,
ausdauernd ein Problem zu lösen oder ein Lebensziel zu erreichen.
Beide Aspekte helfen uns, dabei zu wachsen, dazuzulernen und uns zu vervollkommnen,
dabei uns selbst kennenzulernen und über unser begrenztes Selbst hinauszuwachsen.
Beide Pole zusammen ermöglichen uns unser Überleben!
Beides zusammen macht Menschlichkeit aus.
Wir müssen stark genug sein, um Hilfe geben zu können
und schwach genug, um sie anzunehmen.
Wir brauchen Konsequenz, Disziplin und Selbstbeherrschung gegenüber uns selbst,
um uns nicht in unseren Wünschen, Vorstellungen, Erwartungen und Zielen zu verzetteln
und uns dabei zu verausgaben,
aber wir brauchen auch Offenheit, Mitgefühl, Einfühlungsvermögen und Nächstenliebe,
um anderen in Notzeiten beizustehen und um sie dann zu stützen und durchzutragen.
Niemand möchte mehr Hilfe haben, als er wirklich braucht.
Niemand möchte dauerhaft von jemandem abhängig sein.
Jeder fühlt sich wohl,
wenn er gesund, stark und erfolgreich ist,
wenn er lieben und geben kann,
wenn er sich anderen zuwendet und andere sich ihm.
Zum Leben gehört beides:
Jeder hat das Recht, zu leben, zu erleben und zu leiden.
Jeder hat das Recht, seine Grenzen kennenzulernen,
und auch das Recht, an sich zu scheitern und im Scheitern dazuzulernen.
Jeder hat ein Recht auf Liebe, Unterstützung und Beistand.
Jeder hat ein Recht auf Erlösung von sich selbst.
Wer sich selbst zu sehr in den Mittelpunkt stellt und andere dabei gering achtet,
der versündigt sich an sich selbst, denn andere werden ihn genauso wenig achten.
"Wer die Sünde tut, ist Sklave der Sünde.
... Wenn euch also der Sohn befreit, dann seid ihr wirklich frei." (Joh 8, 34,36)

