Das kleine, schreiende „ICH“ (Joh 3,30)
„ER muss immer größer werden, und ich immer geringer“. (Joh 3,30)
Hallo Du,
wie gerne stellen wir unser Ich in den Vordergrund:
Das wird deutlich in Aussagen wie:
Ich bin ..; Ich habe ..; Ich will ..,
oder in häufig verwendeten Wörtern wie: mein .., mir .., mich ..!
Wir wollen anerkannt, beachtet und gelobt werden
und wir sind beleidigt, geknickt, verärgert
oder werden gar böse und aggressiv,
wenn andere uns nicht dementsprechend würdigen
oder wenn uns dies nicht selbst gelingt.
Wir stellen uns, genauer gesagt,
unseren Verstand, unser Wollen und unsere Gefühle
dermaßen in den Mittelpunkt,
dass alles nur noch um unser „ICH“ kreist.
„Ich will Glück, Erfolg, Spaß, Zufriedenheit haben
und alles andere ist mir egal.“
„Ich will frei, hemmungslos und „erfüllt“ leben
und alle anderen sind mir gleichgültig.“
„Alles was mir nicht dient oder nutzt,
interessiert mich nicht. Es ist Zeitverschwendung.“
Deshalb frönen wir unseren kleinen Schwächen
und lassen sie zu unstillbaren Riesen werden.
Deshalb füttern wir unsere Quäl- und Plagegeister,
bis sie uns beherrschen und wir sie nicht mehr los werden.
Und das Schlimmste ist:
Je mehr Erfolg wir damit haben,
desto stärker wird unsere Selbstsucht.
Wir werden immer unaufmerksamer, rücksichtsloser und blinder
gegenüber anderen und gegenüber unserem Anstand und unserer Würde.
Wir benutzen andere schamlos.
Wir fühlen uns im Recht - und sie in der Pflicht.
Wir wähnen uns wichtig – und sie als Behinderung.
Wir sehen uns als Herrscher – und sie allenfalls als Diener.
Dabei gibt es etwa 3 Milliarden Menschen,
die genau so denken;
die alle im Vordergrund stehen wollen;
die um dien Platz „an der Sonne“ rangeln.
Das kann doch gar nicht gut gehen.
Das ist doch der reinste Verdrängungswettbewerb.
Da müssen doch immer wieder andere unterdrückt,
zurückgesetzt, benachteiligt und verschoben werden.
Bei dieser großen Menge sollte sich unsere Wichtigkeit relativieren
und wir sollten schnell erkennen,
dass es doch nur um unser kleines,
laut schreiendes, kindisches und egoistisches „Ich“ geht,
das sich zum „ICH“ aufbläht, aufbläst und aufplustert,
um größer, wichtiger und mächtiger zu erscheinen,
um mehr Aufmerksamkeit, Zuwendung und Liebe zu erhalten.
Könnte es sein, dass die Ursache für dieses Verhalten
unser Wohlstand ist, unser Besitzstreben,
unser Zeitmangel, unsere vielseitige Ablenkung?
Könnte es sein, dass wir uns die fehlende Zuwendung und Liebe
selber nehmen wollen - obwohl das gar nicht geht?
Könnte es sein, dass Liebesmangel und fehlende Gemeinschaft
sich in Gleichgültigkeit oder Aggression gegenüber anderen auswirkt?
Und wenn wir dann so richtig in der EGO - Sackgasse stecken,
die Ablenkung, der Erfolg und der Schlaf ausbleiben,
Bedenken, Befürchtungen, Sorgen und Ängste sich ausbreiten,
die Nerven flattern und der Körper psychosomatisch streikt,
niemand mehr etwas mit uns zu tun haben möchte,
wir vielleicht sogar arbeitslos werden und nicht mehr weiter wissen,
wir im Schimpfen, Meckern, in Verbitterung und Selbstmitleid versinken,
dann erinnern wir uns vielleicht daran,
dass es ein wirklich großes ICH geben könnte,
das uns aus unserem selbstverursachten Schlamassel herausholt,
dass es einen „lieben“ Gott gibt, an den wir uns wenden können,
damit es uns wieder besser geht.
Und das ist gut so!
Dann erkennen wir unsere Kleinheit und Ohnmacht
Und dass wir unser Wohlergehen zum Götzen gemacht haben.
Dann erkennen wir auch unsere Sünde,
nämlich unser selbstherrliches Leben ohne IHN,
ohne den, der uns erschaffen und befähigt hat;
der uns das Leben gegeben hat, um es sinnvoll zu gestalten;
der uns Gaben gegeben hat,
um sie auszuformen und zum Vorteil aller einzusetzen;
der uns Mitmenschen gegeben hat,
damit wir deren Schwächen mit unseren Stärken ausgleichen;
damit sie uns bei der Selbsterkenntnis unterstützen.
Nur wer sein kleines „ich“ erkennt,
weiß das große „ICH“, weiß Gott zu schätzen.
Nur wer seine Schwächen zugibt,
sie nicht mehr ignoriert und verdrängt,
der weiß die unverdiente Gnade,
die Güte und Barmherzigkeit Gottes zu schätzen.
Nur wer sich von dem großen „ICH“ helfen lassen will,
kann sein kleines „ich“ verlassen und darüber hinauswachsen.
Wer Gott kennen gelernt hat,
für den steht ER an erster Stelle.
Wer Gott lieben gelernt hat,
für den steht Jesus Christus an erster Stelle.
Wer Gottes Gnade erhalten und sie sich bewusst gemacht hat,
für den ist das DU, die Nächstenliebe und Gemeinschaft,
wieder wichtig und zur zentralen Aufgabe geworden.
Wer Gottes liebevolle und großzügige Vergebung und Erlösung erfahren hat,
der kann seine Schwächen annehmen
und sich selbst so lieben, wie Gott ihn erschaffen hat;
der braucht keine Anerkennung von Menschen mehr;
der hat entdeckt, dass in ihm Schätze schlummern,
die es zu heben und einzusetzen gilt;
der hat gelernt, dass ER in ihm um so größer wird, je kleiner sein ICH wird,
dass Gott ihn größer macht,
weil ER ihn zum Aufbau und zur Verbreitung des Guten braucht.
„Was du säst, wird nicht lebendig, wenn es nicht stirbt.“ (1.Kor 15,36)
Wir können nur dann „mehr“ werden,
wenn wir bereit sind, „weniger“ zu sein.
Wer sich im Äußeren ständig selbst beweisen will,
der macht seine Gaben unfruchtbar.
Nur wenn der Geltungsdrang stirbt,
keimt der Mensch zu einer Pflanze, die vielfache Frucht bringt.
„Die Jünger sagten zu Jesus:
Deute uns das Gleichnis vom Unkraut auf dem Acker.
Er antwortete und sprach zu ihnen:
Der Menschensohn ist's, der den guten Samen sät.
Der Acker ist die Welt.
Der gute Same sind die Kinder des Reichs. (Mt 13,37-38)
Wir sind Gottes Samenkörner und unser Ich-Bezug muss vergehen,
ehe neues Leben aus uns wächst.

