Die Berührung
Wir schreiben noch das Jahr 2088. Ich bin nun 84 Jahre alt und mein lieber Mann, der immer so stark wie ein Fels
für seine Familie eingetreten ist, ist vor fast einem Jahr gestorben und zu Gott gezogen. Er fehlt mir sehr!
Ich weiß nicht mehr, wie ich dieses Jahr überstanden habe, aber zum Glück habe ich ja noch meine Kinder und
Enkelkinder ganz in der Nähe, die ich sehr liebe und die auch mich lieben und bei denen ich mich nützlich machen kann.
Die Liebe zu meinem Mann und die Geburt von meiner Urenkeltochter Alisha, die Wundervolle, am 24. Dezember 2088,
lassen mich Kraft finden, in meine Tagebücher zu sehen, denen ich so viel anvertraut habe und in denen ich die Wunder
Gottes in meinem Leben und mein ständiges ‚Berührt sein’ von ihm so deutlich erkenne.
17. Mai 2021
Hallo liebes Tagebuch. Du bist noch ganz neu. Mama hatte die Idee dich mir zum 16. Geburtstag zu schenken.
Ich finde dich toll. Ein richtiges Buch mit vielen leeren Seiten, denen ich mich anvertrauen kann. Und du siehst
auch noch schick aus und hast ein richtiges Schloss mit Schlüssel zum Verschließen, aber das brauche ich gar nicht.
Du hast jetzt eine Weile nur so dagelegen, weil ich nicht wusste, was ich in dich schreiben soll, aber jetzt weiß ich es,
denn mir ist etwas ganz aufregendes passiert.
Also, ich heiße Alica, wurde am 18. September 2004 als Frühchen in Wiesbaden geboren. Ich bin sehr froh darüber
und meine Eltern haben mir einen schönen Namen gegeben, denn ich fühle, dass ich wirklich anders bin, eben von
einer ganz besonderen Art. Zurzeit fühle ich es ganz besonders, weil etwas in mir vibriert und weil in meinem Bauch
tausend bunte Schmetterlinge wild durcheinander flattern. Mein Kopf ist total verwirrt. Diese neuen Gefühle sind
aufregend schön und ganz schön aufregend: Alleine schon zu spüren, dass es sie überhaupt gibt, macht mich stark.
Sie körperlich zu durchleben und sich danach zu sehnen, sie auszuleben, belebt mich mit ungeahnter Energie und Freude.
Es ist so wunderschön, sie zu fühlen, zu empfinden und ihnen in Träumen nachzugehen. Es ist so phantastisch zu entdecken,
dass ich auch ganz anders sein kann; ja dass ich es tatsächlich auch bin! Es ist echt schwer, herauszufinden, was mit mir ist,
aber ich glaube, dass es mit Peter zu tun hat. Peter ist der große Bruder von Claudia und Claudia ist in meiner Klasse.
Ich habe ihn neulich auf dem Sportplatz gesehen und da ist irgendwas mit mir passiert, ganz plötzlich. Echt toll, wie der
rennen kann. Na ja, sonst finde ich ihn natürlich auch toll. Er hat so ein süßes, verlegenes Lächeln und supersüße dunkle
Augen. Ich könnte da ständig hinsehen, aber ich trau mich nicht so richtig. Eigentlich schon, aber dann doch wieder nicht.
Er hat ziemlich dicht bei mit gestanden, aber gesehen hat er mich wohl nicht. Und er hat so tolle Hände, feingliedrig und
irgendwie zärtlich. Also ich finde ihn richtig toll und ich hoffe, dass er mich auch sieht und dass er mich vielleicht sogar
einmal anlächelt, einfach so. Das wäre doch obersuper. Oh je, wenn ich nur an ihn denke, flattert es schon in meinem Bauch.
Eigentlich möchte ich ihn ja dauernd sehen und ich wünsche mir, dass er mal mit mir spricht. Der hat nämlich so eine
besondere Stimme, irgendwie angenehm. Ich höre gerne, wenn er spricht. Ich könnte ihm ewig zuhören. Liebes Tagebuch,
kannst du mir helfen, ihn bald wiederzusehen? Es ist jetzt fast eine Woche her und vielleicht ist er ja morgen wieder auf dem
Sportplatz? Ich hoffe fest darauf.
24. Mai 2021
Hallo Tagebuch, hab Dank für deine Mithilfe. ER war wieder da!!! Ich habe mich mal mit Susi ein bisschen in seine Nähe
gestellt und ihn aus den Augenwinkeln beobachtet. Ihh, was hat das geprickelt! Es hat mich richtig zu ihm hingezogen,
aber zum Glück war ja Susi da. Ab und zu hat er zu uns rübergeguckt. Aber gelächelt hat er nicht. Na ja, noch nicht.
Ob ich ihn mal was fragen sollte? Aber was? Ob ich ihm gefallen könnte? Liebes Tagebuch, du könntest mir wieder
helfen. Soll ich ihm mal zulächeln? Du weißt schon, nur so ein bisschen, nur ganz kurz.
31. Mai 2021
Schade, heute hat es ziemlich geregnet und das Training ist ausfallen. Ich fühle mich mies und bedrückt, dennoch
hoffe ich, ihn bald wiederzusehen. Ich hätte gar nicht gedacht, dass ich mich so nach Peter sehne. Ich denke fast
nur noch an ihn. Sogar auch in der Schule, wenn ich nur Claudia sehe. Ob ich mich in ihn verliebt habe? Jedenfalls
tut es weh, ihn nicht zu sehen. Ich wünsche ja so sehr, dass ich mal mit ihm reden kann. Ich würde so gerne wissen,
was ihm gefällt und was ihn interessiert. Ich möchte so gern wissen, ob ich ihn interessiere? Ich könnte vielleicht
mit Claudia meine Hausaufgaben zusammen machen. Die ist in Mathe sowieso besser als ich und vielleicht ist ER ja da?
Was meinst du?
1. Juni 2021 – 13.32 Uhr
Hey, ich habe mich tatsächlich getraut! Ich habe meine Angst überwunden! Ich habe es tatsächlich getan! Ich habe
heute Claudi in der Schule wegen Mathe gefragt und sie hat gesagt, dass sie mir gerne hilft. Ich soll nachher zu ihr
kommen, aber ich wollte dir das nur schnell aufschreiben. Huch bin ich nervös. Hoffentlich ist ER auch da. Alles ist so toll.
Es ist wie in einem Traum!
1. Juni 2021 – 18.46 Uhr
ER war tatsächlich da! Ich hab geklingelt und gedacht, dass Claudia kommt, Aber plötzlich hat ER die Tür aufgemacht.
Ich war total überrascht und stand da wie angewurzelt.
Und dann zeigt er mit dem Zeigefinger an meine Wange (er hat sie fast berührt) und sagt mit seiner angenehmen,
freundlichen Stimme überrascht: „Huch, du hast ja da ein bisschen Wimperntusche hängen!“ Ich war total verwirrt.
Wie vom Blitz berührt. Ich hab’s erst gar nicht verstanden, aber dann ist mir eingefallen, dass ich ja gar keine WiTu
genommen hatte und hörte mich verlegen sagen: „Ich hab ja gar keine …!“, und da lachte er schon so warmherzig
und sagte: „April, April! - Komm rein! Claudia ist gleich da.“ - Ich glaube, ich habe ihn richtig angestrahlt und dann hab
ich auch gelacht.
Er ist wirklich so toll, wie ich dachte und lustig ist er auch. Er hat mich gesehen und mich angesprochen. Oh, hätte
er mich doch nur berührt. Vielleicht wäre ich ja in Ohnmacht gefallen und er hätte mich aufgefangen. Vielleicht sehe
ich ihn ja jetzt öfter?
2. Juni 2021
Hallo Tagebuch! Ich habe heute Nacht von ihm geträumt. Es war richtig schön! Er ist zu mir gekommen und ich habe
ihm lächelnd die Tür aufgemacht. Wir haben auf der Couch gesessen und zusammen geredet und gelacht. Er hat
mich wieder geneckt und es hat mir sehr gefallen. Er hat mich sogar berührt. Wir sind dann zusammen auf den
Sportplatz gegangen und er hat mir gezeigt, wie man losrennt. Er hat mich an der Hüfte gefasst, ich habe mich
nach vorn gebeugt und er hat dann plötzlich losgelassen. Es hat im ganzen Körper geprickelt und ich bin beim Laufen
fast geschwebt. Alles war so leicht und so einfach. Mir war so, als würde ich ihn schon ganz lange kennen. Ich glaube,
ich bin so richtig in ihn verknallt! Es wäre so schön, wenn …
17. Oktober 2021
Wir sind jetzt schon fast 3 Monate zusammen und ich denke immer wieder an meinen Traum. Ja! Ich habe ihm wirklich
die Tür zu meinem Herzen weit aufgemacht und ihn zu mir herein gelassen. Ich vertraue ihm und langsam auch mir.
Ich mag ihn sehr und je mehr er mich mag, desto mehr mag ich mich auch. Komisch!
Wenn er mich berührt, dann kribbelt es und wenn ich ihn berühre, dann kribbelt es auch und das wird immer noch
stärker. Ich bin ihm sehr nahe und doch möchte ich ihm noch näher sein und er sagt, dass es ihm genauso geht! –
Ich denke an ihn und er denkt an mich. Und wenn wir zusammen sind, dann fühlen wir uns irgendwie geborgen,
irgendwie zuhause und angekommen. Vielleicht können wir ja an der gleichen Uni studieren, dann ist es für uns
leichter. Liebes Tagebuch, ich könnte da mal wieder deine Hilfe brauchen!
1. Juni 2024
Hallo Tagebuch! Mit „April, April“ – am 1. Juni hatte es damals mit uns so richtig angefangen und jetzt sind wir
glücklich verlobt. Ich danke dir, dass du mir immer wieder geholfen hast. Ich hab kürzlich mit Susi, meiner besten
Freundin, darüber gesprochen und die hat gelacht und gesagt: „Weißt du, was du in dein Tagebuch schreibst,
schreibst du in Wirklichkeit dem lieben Gott und wenn du mit dem Tagebuch sprichst, dann sprichst du mit
ihm und er hilft dir! Das ist wie beten. Und geholfen hat er dir wahrscheinlich nur, weil auch Peter mit ihm
gesprochen hat oder vielleicht auch deine Eltern. Also ich hab’s jedenfalls für dich getan. Es war mir einfach
wichtig, dich glücklich zu sehen.“ Ja so geht es mir auch mit Susi und natürlich auch mit Peter.
Liebes Tagebuch, ich glaube, Susi hat Recht! Und deshalb danke ich jetzt auch dem lieben Gott, dass er mir
immer zugehört und uns zusammengebracht hat und auch dafür, dass wir zusammen studieren können und
dass wir uns so sehr lieben und so gut verstehen.
1. Juni 2029
Hallo lieber Gott im Himmel! Hallo treues Tagebuch! Ich bin noch ziemlich erschöpft von der Geburt unserer
kleinen Tochter. Wir wollen sie Mira, von Mirabella, nennen, Peter hat gesagt, das würde ‚wunderbar’
bedeuten und wunderbar ist sie wirklich. Ich danke euch für diesen guten und starken Mann und dieses
wunderbare Kind. Und ich verrate euch, dass ich schon mal ein neues Taschenbuch für die Kleine gekauft habe.
Es ist wohl nie zu früh, um euch kennen zu lernen!“
1. Juni 2055
Lieber Vater im Himmel! Ich habe oft bemerkt, dass du mich liebst, mich durchs Leben begleitest und in mir wohnst!
Du hast mir gezeigt, wie wichtig es ist, immer wieder meine Herzenstür für alles zu öffnen, für Gegenstände
genauso, wie für Menschen! Selbst wenn ich mich ängstige, ist das der richtige Weg, denn sonst fürchte ich mich.
Es ist schön, mit allem zu sprechen, was mich umgibt und alles wie eine liebe Person zu sehen, die ich mag und
die mich mag. Und so habe ich auch immer mit dir, meinem lieben, treuen und wertvollen Tagebuch gesprochen
und du hast mir viele Antworten gegeben, besonders viele, wenn ich in dir zurückblätterte.
Ich habe gelernt, dass ich nur etwas von Fremdem lerne, wenn ich mich öffne, wenn ich mit ihm in Berührung
trete, wenn ich mich von ihm berühren lasse und mit ihm in eine enge, liebevolle Beziehung trete; wenn ich
mich mit ihm austausche. Ich habe gelernt, dass ich mit dir über wirklich alles sprechen kann, besonders über das,
was mich erfreut oder bedrückt, Ich habe gelernt, dass du mich überall hin begleitest, mich führst und mein Herz
immer wieder erleichterst. Ich habe gelernt, dass du meine Gebete hörst und sie weise erfüllst. Danke, dass ich
im Erkennen weise geworden bin und dich immer besser verstehe.
Mira hat nach dem kräftigen und lebhaften Sohn, den sie auch Peter genannt haben, nun ein gesundes
Mädchen zur Welt gebracht. Sie heißt Adele. Auch sie ist etwas Besonderes. Ich bin nun zum zweiten Mal
Großmutter geworden und ich habe wieder ein Tagebuch gekauft. Es ist natürlich noch viel zu früh dafür,
aber Vorfreude ist halt so schön und ich vertraue dabei auf deine Güte! Diesmal habe ich sogar schon etwas
auf die erste Seite geschrieben:
„Gott, dein himmlischer Vater, beschütze, berühre und segne dich!“ Ich weiß, dass du das sowieso tun wirst,
auch wenn ich vielleicht irgendwann nicht mehr dafür beten und dir dabei nicht mehr zusehen kann.

