Wehre den Anfängen!
Hallo Du,
Ovid hat diese Aussage auf die Verliebtheit und ihre Folgen bezogen und sieht darin ein Heilmittel gegen
deren quälende Folgen. Nun wissen wir aber, dass 'Verliebt sein' uns selig entrückt und die Gefühle tanzen
und schweben lässt. Das empfinden wir als angenehm und berauschend. Und der Rausch der erotischen
Liebe verstärkt sich, wenn man sich in sie hinein fallen lässt, sich ihr ergibt, nicht genug davon bekommen
kann.
Ist 'Verliebt sein' gegenseitig, wird es also erwidert, dann überspringt es Hemmnisse und Grenzen und
führt Menschen zusammen, dann erfüllt es seinen Sinn. Wenn aber 'Verliebt sein' einseitig ist und unerfüllt
bleibt, dann ist es anstrengend, mühsam und zermürbend, dann bewirkt es Übel in Körper, Geist und Seele.
Es macht krank, liebeskrank.
Die eigene Aufmerksamkeit und Zuneigung sowie Freundlichkeit und Güte können nicht fließen.
Sie werden erstickt. Man empfindet Zurückweisung oder gar Ablehnung. Da braucht es eine
gute Medizin, um davon weg zu kommen. Unerfüllte Liebe erzeugt auch Selbstzweifel, Hass und
Rachegefühle, deshalb sagt Ovid:
„Wehre den Anfängen! Zu spät wird die Medizin bereitet, wenn die Übel durch langes
Zögern erstarkt sind.“
Wie kann man sich dann entlieben?
Er sagt: Indem man sich an der/dem Geliebten übersättigt. Also genug von ihr/ihm bekommt,
die Nase von ihr/ihm voll hat; ernüchtert wird oder einfacher, gleich die Finger davon lässt, den
Anfängen wehrt.
Nun gibt es aber kein Leben und Erleben und auch keine Erfahrung, wenn ich mich stets aus allem raushalte,
kein Vertrauen wage, keinen Anfang zulasse. Und immer wieder durch das Leidenstal zu gehen, erscheint mir
auch zu mühsam. Vielleicht gibt es eine andere Lösung, z.B. Freunde und Selbsterkenntnis.
Sich zu verlieben, gehört zu unserer Natur. Es ist ein Schritt zu Bindung und geschlechtlicher Gemeinschaft und
kann zu wahrer, dauerhafter Liebe führen. Doch wenn 'Verliebt sein' ergebnisorientiert, mit Anspruchsdenken
verbunden und hemmungslos wird, ist es egoistisch, besitzergreifend und krankhaft.
Wir lieben ein Gläschen Wein, Schokolade oder Romantik, doch zu viel davon ist ungesund. Im Übertriebenen
wird alles zum Übel. Principiis obsta! - Wehre den Anfängen!
Ich esse sehr gerne Schokolade, doch sie bekommt mir nicht. Ich reagiere darauf allergisch. Sie löst
Unannehmlichkeiten, Schmerzen und Leiden aus. Und wenn ich welche zuhause habe, ist die Versuchung
groß, nicht nur ein Stückchen davon zu essen und es zu genießen. Die unmittelbare Möglichkeit kann leicht
verführen. Da ist es für mich besser, keine Schokolade zuhause zu haben. Wehre den Anfängen!
Eine Frau hat einen Faible für Schuhe. Sie geht in jedes Schuhgeschäft, nur um zu schauen, was es so gibt.
Meistens kauft sie auch welche. Im Internet geht es ihr genauso. Hat sie wieder mal neue Schuhe, werden
die natürlich bald ausgeführt - und dann zu den anderen dreiundsiebzig Paaren in die Schränke gestellt.
So viele Kleider hat sie gar nicht - und auch noch nicht so viele dazu passende Handtaschen.
Wehre den Anfängen!
Ein Bekannter hat eine Alkoholschwäche. Er ist seit langem trocken. Er weiß: Eine geringe Menge kann
ihn in Sucht, Abhängigkeit und Elend zurückwerfen. Deshalb meidet er Alkohol. Wehre den Anfängen!
Eine Frau erzählt immer wieder von ihren schlimmen Erlebnissen mit ihrer beherrschenden und
manipulierenden und einengenden Mutter. Und jedes Mal fällt sie zurück in altes Leiden. Ihre Erinnerungen
und Gefühle werden dabei wieder aufgefrischt und alte Wunden aufgerissen. Sie können nicht ausheilen.
Sie kommt nicht davon los und wird ihres Lebens nicht froh. Wehre den Anfängen!
Ein Freund schildert, wie sich bei ihm negative Gedanken einschleichen und einnisten wollen: Unvermittelt
sind sie da und buhlen um Aufmerksamkeit. Sie wollen, dass er sich mit ihnen beschäftigt und sie weiterspinnt.
Sie wollen ihn fesseln und wehrlos machen. Und immer, wenn er ihnen nachgab, hatte er bereits verloren.
Er wurde von ihnen beherrscht und ausgerichtet. Sie wurden immer stärker. Ein Türwächter und Gedankenfilter
bewacht nun seinen Gedankeneingang und achtet konsequent darauf, dass solche Gedanken ausgeschlossen
bleiben. Wehre den Anfängen!
Im Psalm 141,5 heißt es: Der Gerechte schlage mich freundlich und weise mich zurecht; das wird mir wohltun
wie Balsam auf dem Haupte. Mein Haupt wird sich dagegen nicht wehren. Doch ich bete stets, dass jene mir
nicht Schaden tun.
Der Gerechte, das ist ein Freund oder eine Freundin; jemand dem auffällt, dass bei mir etwas nicht stimmt und
der sich traut, mich darauf hinzuweisen. Auch wenn mir das nicht gefällt. Aber:
Bin ich bereit, mir solche Hinweise zu Herzen zu nehmen?

