Empfindsamkeit
Hallo Du,
als Jugendlicher war mir meine hohe Empfindsamkeit
und meine besondere Feinfühligkeit eine große Last.
Ein sensitives Sensibelchen zu sein,
ist nicht gerade das Wunschbild eines werdenden Mannes,
und vom Wunschbild mal abgesehen,
es tut auch weh, unschöne Dinge eindringlich zu empfinden und zu fühlen;
es ist kräfteraubend,
sich in Menschen hineinversetzt zu sehen,
sie in ihrem inneren Leid zu erkennen und zu verstehen
und ihren Schmerz unmittelbar zu spüren und mitzutragen;
es ist herzzerreißend, Umstände und Situationen und deren Folgen
klar zu erkennen und nicht eingreifen zu können und zu dürfen;
es ist äußerst anstrengend, von den negativen Geschehnissen und deren Folgen
ständig beeinflusst und hinabgezogen zu werden,
und es ist nahezu unmöglich,
in diesem Gewirr von Empfindungen und Gefühlen zu sich selbst zu finden.
Damals habe ich mir tatsächlich gewünscht, dumm und unsensibel zu sein,
damit ich das nicht alles mitbekommen muss und dadurch geschützt wäre.
Heute sehe ich auch die großen Vorteile meiner Empfindsamkeit;
sie macht mich zu etwas Besonderem;
sie lässt mich Zusammenhänge sehen, erkennen und darüber schreiben,
sie ermöglicht mir, mein „Sehen“ und „Erkennen“ an andere weiterzugeben.
Nachdem ich zu mir und meinem eigenen Wesen gefunden habe,
lerne ich, mich immer besser gegen äußere Beeinflussungen abzugrenzen
und ich kann mich herzlich darüber freuen,
dass ich auch die guten und angenehmen Seiten des Lebens und der Menschen
intensiv und feinfühlig wahrnehme und erkenne,
dass ich rücksichtsvoll auf Menschen eingehe,
dass ich einfühlsam Mitgefühl zeige,
dass ich empfindsam Spannungsschwankungen wahrnehme und darauf reagiere,
dass ich sensibel die Hoffnungen, Erwartungen und Vorstellungen
meiner Mitmenschen spüre und mich dazu angemessen verhalte,
dass ich sensitiv deren besondere Fähigkeiten und Begabungen wahrnehme
und dadurch ihre Einmaligkeit erkenne und unterstütze,
dass ich zartfühlend deren Gefühle, Regungen und Stimmungen verspüre
und sie in ihrem wahren Wesen erkenne, achte und würdige.
Die schönste Entdeckung aber ist,
dass ‚empfindsam sein’ und ‚lieben’ eng miteinander verbunden sind.
Indem ich empfindsam bin gegenüber der Natur und dem Leben,
gegenüber allen Dingen, Pflanzen, Tieren und Menschen,
gegenüber den Geschehnissen, ihren Zusammenhängen,
gegenüber meinen eigenen Stärken und Schwächen,
und gegenüber Gott,
bin ich auch fähig zu lieben,
bin ich fähig, mich zurückzunehmen und Liebe zu leben,
bin ich fähig, meine Liebe zu offenbaren,
sie zärtlich zu geben und vertrauensvoll anzunehmen
und nichts und niemanden davon auszuschließen.
Indem ich liebe, bin ich offen, locker und beweglich
und ich habe ein ernsthaftes Interesse daran,
wie anderes ist und wie andere Menschen sind.
Ich liebe, weil ich ein Gespür für alles und jeden habe,
ich liebe, weil ich in jedem Menschen das Besondere finde,
ich liebe, weil ich in allem die Größe und Liebe Gottes sehe,
ich liebe, weil ich hinter allem Gott erkenne,
ich liebe, weil warmherzige Liebe für mich Segen und Leben bedeutet.

