Um Hilfe bitten
Hallo Du,
ich habe gerade vor Glück geweint,
denn ich habe soeben verstanden,
was es bedeutet, jemanden um Hilfe zu bitten.
Ich bin groß, stark und klug,
so groß und so stark und so klug.
dass ich mir jeder Zeit selbst helfen kann;
jedenfalls dachte ich das bisher.
Außerdem hatte mich diese Einstellung bisher davor bewahrt,
zugeben zu müssen,
dass auch ich immer wieder Probleme habe,
dass auch ich immer wieder in Schwierigkeiten stecke,
in denen selbst ich vollkommen hilflos und ohnmächtig bin,
die selbst ich nicht ohne fremde Hilfe meistern kann.
In solchen Situationen habe ich mich meist zurückgezogen,
rar gemacht, versteckt und verkrochen in der Hoffnung,
die anderen würden es nicht merken,
die Schwierigkeiten würden sich von alleine lösen,
der Kelch würde irgendwie an mir vorübergehen,
ich könnte irgendwie mein Gesicht wahren,
ich könnte irgendwie doch noch gewinnen
und heil aus den Schwierigkeiten herauszukommen,
auch um den Preis, dass ich meine Probleme versteckt,
verdrängt und unterdrückt habe.
Aber welches Gesicht?
Anstatt zu gewinnen, habe ich dabei immer verloren,
die Achtung der anderen,
mein wahres Gesicht,
meine Aufrichtigkeit,
meinen Mut
und meine Selbstachtung.
Und, meine Probleme und Schwierigkeiten sind geblieben,
in meinem unruhigen Inneren,
in meiner zerrissenen und unbeholfenen Seele,
in meinem stolzen, hochmütigen und unnachgiebigen Kopf.
Ja sie sind sogar immer größer geworden,
immer mächtiger, immer beängstigender,
immer beherrschender und immer auswegloser.
Warum nur geben wir so ungern zu, dass wir in Schwierigkeiten stecken?
Warum nur glauben wir, dass eine Bitte um Hilfe
einer Demütigung gleicht,
ein Ausdruck von Hilflosigkeit und Schwäche ist,
eine gesteigerte Form von persönlicher Beschämung darstellt?
Erst wenn unsere Kräfte nachlassen,
erst wenn wir kurz davor sind zu ertrinken,
erst wenn wir in tiefer Verzweiflung sind,
erst wenn unser Leiden unerträglich wird,
erst wenn wir völlig geschwächt und ehrlich
die Ausweglosigkeit und Ohnmacht zugeben,
erst dann sind wir bereit und vorbereitet,
erst dann können wir unseren Stolz überwinden
und das ganz normale und natürliche tun,
nämlich,
einfach jemanden vertrauensvoll um Hilfe bitten.
Nicht, dass er uns von unseren Problemen befreit,
sondern dass er uns Hilfe zur Selbsthilfe gibt,
dass er uns mithilft, das Tal der Tränen zu durchqueren,
dass er uns ermutigt, beisteht, unterstützt und nahe ist.
Erst wenn wir schwach sind,
beginnen wir zu bitten und zu beten,
wissen wir Hilfe zu schätzen,
wird die Hilfe eines anderen stark,
nehmen wir Hilfe dankbar an.
Und nur dadurch erfahren wir Dankbarkeit:
die Dankbarkeit des anderen,
dass er uns helfen durfte,
dass wir ihm in unserer Not
unser vollständiges Vertrauen geschenkt haben,
dass wir ihn gebraucht und dadurch geehrt haben
und unsere eigene Dankbarkeit,
eine tiefe Dankbarkeit für unsere Rettung im letzten Moment,
eine tiefe Dankbarkeit für den mitfühlenden Erretter,
eine tiefe Dankbarkeit und Ergriffenheit für die aktive Mitmenschlichkeit,
die sich in dankbaren Tränen der Rührung, Freude und Befreiung ausdrückt.
Wir verstehen plötzlich, was Hilfe in der Not bedeutet.
Wir sind von nun an bereit, frühzeitig um Hilfe zu bitten
und,
wir sind von nun an bereit, anderen frühzeitig helfend beizustehen.
Denn nun weiß ich: Gerade wenn ich schwach bin, bin ich stark durch Christus.

