Schubladendenken (1.Petr 5,7)
Ladet alle eure Sorgen bei Gott ab, denn er sorgt für euch. (1. Petr 5,7)
Hallo Du,
mein Großvater war der Gründer der Schlangenapotheke in Schlangenbad. Bei meinem letzten
Besuch in der Apotheke hat mich die ursprüngliche Einrichtung mit vielen, vielen Schubladen
sehr beeindruckt. Sie sind mir im übertragenen Sinn eine Betrachtung wert.
Eine Lade ist ein Behälter, den man mit Inhalt füllt, mit Waren, Gegenständen, mit Frachten oder
Lasten oder irgendwelchem Kram, im erweiterten Sinne auch Wissen, Annahmen, Gefühlen,
Befürchtungen, Hoffnungen etc. die hineingegeben werden, den man darin ablädt, den man in sie
einfüllt, einsortiert, aufbewahrt, verwahrt oder auch versteckt.
Eine Schublade ist sehr praktisch. Sie lässt sich leicht in einen Schrank oder in eine Kommode in
unserer Wohnung hineinschieben. Der Inhalt verschwindet aus unseren Augen (und manchmal
auch aus dem Sinn) und äußerlich sieht alles ordentlich aus. Die Schublade lässt sich aber auch
schnell wieder öffnen, um etwas herauszunehmen, zu betrachten oder zurückzulegen.
Manche Schubladen sind wohlgeordnete und übersichtliche Ablagen wie in einer Apotheke,
andere sind chaotische Sammelsurien. Manche werden regelmäßig benutzt, andere nur selten
geöffnet. Alle sind irgendwie hilfreich, aber nicht alle sind effektiv.. Sie helfen zu systematisieren,
zu kategorisieren, zu klassifizieren, das Denken zu ordnen, aber nur, wenn die Inhalte in Bezug auf
die zugeordnete Bedeutung tatsächlich wahr und genau sind.. In jedem Fall charakterisieren sie
ihre Besitzer und ihr Auffassung..
Da Chaos im Kopf wie auch im Denken und Fühlen und Empfinden anstrengend und verwirrend ist,
nutzen wir gedankliche Schubladen, um in uns Struktur und Ordnung zu schaffen und damit das
Leben zu erleichtern. So entstehen aus Denkschubladen Denkmuster, vorgeordnete und
vorgedachte Entscheidungshilfen sowie individuelle Bewertungen.
Beispielsweise: Männer sind unreinlich, gewalttätig oder unsensibel. Frauen sind emotional, reden
zu viel oder sind unsicher. Kinder sind ungehorsam, bösartig oder unfähig. Oder, was in meinen
Schubladen ist, ist geprüft und richtig. Wenn andere etwas anderen behaupten, dann ist das falsch.
Oder mein Weltbild ist durch Erfahrung gesichert. Es muss richtig sein. Oder: Ich weiß es besser,
weil … usw..
Einige unserer Schubladen sind leichtgängig. Auf ihnen steht beispielsweise: ‚Glücksmomente‘,
‚Siege und Erfolge‘, ‚Sehnsüchte und Hoffnungen‘ oder ‚Vorhaben‘ und sie werden oft benutzt.
Andere sind unbeliebter. Auf ihnen steht vielleicht: ‚Niederlagen‘, ,Schmerz und Leid‘, ‚Gefällt mir
nicht‘ oder ‚Feinde‘, oder allgemeiner: ‚schwarz‘, ‚weiß‘, ‚bunt‘, ‚groß‘, ‚klein‘, ‚dick‘, ‚dünn‘, ‚gut‘
oder ‚schlecht‘. Einige Schubladen haben wir sogar fest verschlossen und dazu noch verschraubt
und vernagelt und sicherheitshalber auch nicht etikettiert. Sie enthalten unsere verborgensten
Geheimnisse. Niemand soll sie je erfahren.
Weil aber das Leben und Erleben aber sehr differenziert ist, müssen wir bei der Zuordnung in
einzelne Laden pauschalisieren, denn zu viele Schubladen würden verwirren.
Dazu kommt noch, dass uns manche Ereignisse unklar bleiben. Über andere wissen wir zu wenig
und noch andere haben wir ungeprüft, aber im Vertrauen übernommen. Haben wir bei einigen zu
wenig Belege, dann vermuten wir einfach, denn das ist ja besser als gar nichts.
Das bedeutet: Wir können gar nicht objektiv sein. Unser Ordnungssystem wird z.B. unterwandert
durch Subjektivität und Kurzsichtigkeit und überlagert von Furcht oder Hochmut, von Äußerlichkeit
und Oberflächlichkeit. Im Laufe der Zeit landet vieles in falschen Schubladen wird zu gefährlichen
Entscheidungsmustern. Das heißt: Wir erkennen falsch. Wir bewerten falsch. Wir machen Fehler.
Wir tun unrecht. Wir irren uns, weil wir uns, also unsere Schubladenablage und unser Denken und
Empfinden als richtig ansehen.
Das wird auch im Bereich der Religion sichtbar. Es erstaunt mich, dass manche Christen in
Glaubensfragen ihr Herz ausschalten und sich in persönlichen Verstandesüberzeugungen
hineinsteigern.
Da geht es nicht mehr um Jesus, sondern ums Ego. Es geht nicht mehr darum, dass Jesus das Haupt
und Zentrum der aller Christen ist, sondern darum, wer den rechten Glauben hat, die rechte
Glaubensausprägung, der richtigen Gemeinde angehört. Wer was richtig oder falsch macht. Das ist
modernes Pharisäertum. Da übertrumpfen sich Denominationen, stellen andere in Frage und
werben sich gegenseitig Gläubige ab.
Es ist schon seltsam, was Schubladendenken bewirkt. Da überheben sich landeskirchliche
Lutheraner selbstgerecht über landeskirchliche Reformierte oder Unierte, Katholiken über
Protestanten oder umgekehrt, Freikirchliche über Landeskirchliche oder umgekehrt. Da gibt es
neben den Mennoniten, Baptisten, Pietisten, Methodisten, Evangelikalen, Adventisten,
Brüderbewegungen und Pfingstlern noch über 1000 christliche Glaubensrichtungen in
Deutschland. Nicht alle gehen tolerant mit der ‚Konkurrenz‘ um.
Aus meiner Sicht haben die vielschichtige Gemeindeangebote vielleicht unterschiedliche
Ausprägungen. Sie sollten und müssten aber alle das gleiche Ziel haben, nämlich Menschen in die
Nachfolge Jesu zu bringen.. Es gibt nur einen Christus und damit nur eine christliche Wahrheit.
Alle Denominationen basieren auf der gleichen Bibelquelle.
Solange Jesus Christus das Zentrum des Glaubens und das Haupt der Gemeinde ist und bleibt,
finde ich das vielfältige Angebot nicht widersprüchlich.
Da halte ich es ganz mit Paulus:
Bei manchen sind zwar Neid und Streitsucht mit im Spiel, wenn sie die Botschaft von Christus
verkünden. Doch es gibt auch solche, die es in der richtigen Haltung tun.
Sie handeln aus Liebe ´zu mir`, denn sie wissen, dass ich mit dem Auftrag hier bin, für das
Evangelium einzutreten.
Die anderen hingegen verkünden Christus aus selbstsüchtigen Motiven. Sie meinen es nicht ehrlich,
sondern hoffen, mir in meiner Gefangenschaft noch zusätzliche Schwierigkeiten zu bereiten.
Aber was macht das schon? Ob es nun mit Hintergedanken geschieht oder in aller Aufrichtigkeit -
entscheidend ist, dass im einen wie im anderen Fall die Botschaft von Christus verkündet wird,
und darüber freue ich mich. (Phil 1,15-18)
Aber die Bibel warnt uns auch:
Falsche Propheten werden in großer Zahl auftreten und viele irreführen. (Mt 24,1)
Hütet euch vor den falschen Propheten! Sie kommen im Schafskleid zu euch, in Wirklichkeit
aber sind sie reißende Wölfe. (Mt 7,15)
Die falschen Propheten stammen von der Welt; deshalb hat auch das, was sie lehren, seinen
Ursprung in dieser Welt und wird von der Welt mit Zustimmung aufgenommen. (1.Joh 4,5)
Eine Diakonisse hat mich vor Jahren einmal zu einem umstrittenen Pfarrer gefragt den ich kannte:
„Liebt der Jesus oder ist er in sich selbst verliebt.“
Diese zentrale Frage habe ich mir seitdem zu Eigen gemacht, in meiner Selbstbetrachtung wie
auch bei der Einschätzung anderer. Und dabei mir ist immer bewusst, dass ich mich irren kann.

