Freigeist!?! (Sir 10,13)
Hallo Du,
kürzlich schrieb mir eine unglückliche Bekannte, sie sei ein Freigeist und könne nur glücklich
sein bzw. werden, wenn sie (endlich) frei entscheiden kann, was sie tun oder lassen will.
Das machte mich stutzig, denn dieser Begriff, die Wortverbindung, sagt mir etwas Anderes:
Ein Freigeist kann wohl nur im Geist frei sein, d.h. frei, unabhängig und unbeschränkt im
eigenen Denken. Aber ist überhaupt das möglich?
- Jedes Denken hat ein Denkergebnis das bindet, zumindest vorübergehend.
- Jeder Mensch braucht die Anbindung an eine Gemeinschaft, in der er geborgen ist und
mit der er sein Denken teilen kann.
Ich schlage nun nach, was der Begriff ‚Freigeist‘ tatsächlich bedeutet und finde:
- a) Ein Freigeist ist jemand, der sein Denken nicht von traditionellen Sitten oder von, durch
Religion begründete Moralnormen und Denkverbote, beschränkt lässt.
- b) Ein Freigeist ist jemand, der jeden religiösen Glauben verwirft. Er ist ein rebellischer
Atheist.
Und hier wird ein Irrtum deutlich! Das Sehnen der Bekannten bezieht sich möglicherweise
auf viel mehr, nämlich auf Freiheit, Unabhängigkeit und Unbeschränktheit in allem. Vor
allem auf die Ablehnung von Gott, denn gerade seine Gebote sind Regeln die dafür sorgen,
dass Gemeinschaften nicht in Chaos münden. Und die Anerkennung von Autorität, seiner
Autorität, ist der Ursprung korrekten mitmenschlichen Verhaltens.
Der hier gewollte ‚Freigeist‘ enttarnt sich so als Widerstands- und als Widerspruchsgeist.
Er wendet sich nicht nur gegen Gott, sondern auch gegen jede andere Person, die in
irgendeiner Form begrenzt oder Bindung sucht, denn Verbindung und Einbindung
beinhalten Selbstbeschränkung, Mitverantwortung und zwischenmenschliche
Verpflichtung.
Diese Freigeist-Einstellung wird in der Bibel als Egoismus und Hochmut gesehen. Schon im
Paradies wollte Eva durch essen der verbotenen Frucht gottgleich werden. Gott wurde
zornig über ihren Ungehorsam, über ihr Verhalten und ihre Einstellung. Er hat sie aus dem
Paradies geworfen und ihr ein schweres Leben auferlegt. Vielleicht hat sie damals schon
erkannt, dass es die Hölle ist, wenn man dem eigenen Wollen ausgeliefert ist und wenn
man auch noch andere, z.B. den willigen Adam oder ihre noch ungeborenen Kinder, in
dieses Unglück mithineinzieht.
Denn Hochmut kommt aus der Sünde, und wer an ihr festhält, der richtet viel Gräuel an.
Darum hat der Herr den Hochmütigen furchtbare Plagen geschickt und sie am Ende
gestürzt. (Sir 10,13; L)

