Du könntest doch auch noch... (Mt 7,1-3; Lk 6,37-42)
Hallo Du,
sind Deine Wünsche, Vorstellungen und Erwartungen
an andere oder an etwas nicht viel größer, als das,
was die Wirklichkeit Dir zu bieten vermag?
Natürlich wäre es schön, etwas vollkommen zu erleben,
auch noch dieses und jenes
zusätzlich zu haben oder zu bekommen;
auch noch den i-Punkt verziert zu sehen,
aber die Wahrscheinlichkeit,
alle eigenen Vorstellungen zu realisieren
oder in einem anderen Menschen vereint zu finden,
ist wohl eher gering.
Die Wahrscheinlichkeit aber,
dass die eigenen Erwartungen enttäuscht werden,
ist viel, viel höher.
Und die Feststellung,
- „Ich hätte mir ja denken können, dass das nichts wird.
Ich habe es mir gleich gedacht!
Wie konnte ich mich nur darauf einlassen?“ -
ist die schlechteste Ausrede und Selbstlüge,
die man in dieser Situation finden kann.
Das es immer wieder schief geht,
liegt nicht an den anderen oder an der Situation,
sondern an den eigenen, überzogenen Maßstäben.
In Wirklichkeit ist bereits der Ansatz falsch.
Statt egoistische Erwartungen an etwas oder jemanden zu haben,
solltest Du Dich über das freuen, was Dir geboten wird.
Es kann Dich viel mehr bereichern, als das,
was Du Dir für Dich vorstellen kannst,
denn das, was Du Dir vorstellst, stellst Du vor Dich
und es versperrt Dir die freie Sicht;
es steht zwischen Dir und Deinem Ziel,
es verhindert die Erfüllung Deiner Hoffnungen.
Außerdem versteckst Du etwas hinter dem, was Du vor Dich stellst
und versuchst es dadurch zu kompensieren, z.B. Deinen Mangel,
Dein kleines, unscheinbares Ich oder Deine Befangenheit.
Mit Deinen eigenen Vorstellungen
verbleibst Du immer in Deinem eigenen Denkmuster
und bist nicht offen für Neues und Fremdes.
Vielmehr bestätigen sie Deine eigene Enge
und Deine verborgenen Ängste vor Veränderungen.
Deine meist heimlichen Vorstellungen zeigen Dir,
dass sich viel in Deinem Kopf abspielt,
in Deinem Verstand und in Deiner Phantasie,
aber nicht in Deinem Herzen.
Wäre es nicht viel schöner, frei zu sein von diesem Stress,
von dem Diktat des Wollens,
von diesem Messen und Vergleichen,
von diesem Beurteilen und Verurteilen?
Wäre es nicht fair,
mit Deinem Partner oder Deiner Partnerin
über Deine Vorstellungen und Erwartungen zu reden,
und auch darüber, ob er oder sie
Deine Erwartungen erfüllen kann oder möchte?
Es könnte für Dich sogar besser sein,
wenn sie nicht erfüllt würden,
denn umso schneller könntest Du dann
aus Deiner Verirrung herausfinden.
Wäre es nicht viel besser,
statt Vorstellungen und Erwartungen an andere zu haben,
mit gutem Beispiel voranzugehen
und das vorzuleben und zu tun, was Du von anderen erwartest?
Weißt Du,
hast Du schon einmal darüber nachgedacht,
welche Anforderungen Du an Dich selbst stellst?
Kannst Du die alle erfüllen?
Bist Du wirklich so perfekt, wie Du zu sein glaubst?
Falls ja, um welchen Preis?
Muss denn alles perfekt und vollkommen sein?
Perfekt zu sein, heißt unmenschlich zu sein!
Perfekt zu sein, heißt einsam zu sein!
Es bedeutet, mit sich selbst lieblos umzugehen,
sich (und anderen) wenig Spielraum zu geben,
sich (und andere) zu überfordern,
sich (und anderen) wenig zu verzeihen.
Bedenke das Gesetz der Gegenseitigkeit:
So, wie Du jetzt andere beurteilst,
wirst auch Du beurteilt.
Und mit dem Maßstab, den Du an andere anlegst,
wirst Du selbst gemessen!
Rege Dich also nicht
über die kleinen Schwächen Deines Nächsten auf,
sondern erkenne Dein eigenes viel größeres Versagen,
Deine eigene Überforderung,
Dein unbewusstes Verbiegen anderer,
Deinen versteckten Wunsch nach Kontrolle und Sicherheit,
Deine Eitelkeit und Selbstsucht,
Dein Misstrauen in Gottes Führung und Fügung.
Gott möchte, dass es Dir gut geht,
aber so lange Du Dich selbst bestimmst,
hat er keine Möglichkeit, Dir zu helfen.
Nehme doch die Geschenke, die Du erhältst,
unvoreingenommen und dankbar an und genieße sie.
Sei doch zufrieden mit dem, was Du bekommst,
es ist sehr wahrscheinlich viel mehr,
als Du Dir selbst geben könntest.
Und vergebe reichlich das, was Du hast,
sei es in Deinen Augen auch noch so wenig.
Sei großzügig damit,
denn je weniger Du hast, desto mehr bist Du;
je weniger Du erwartest, desto mehr bekommst Du;
und je weniger Du verlangst, desto mehr wird Dir geschenkt.

